Partizipation im Kindergarten: Kinder in der Kita wirklich beteiligen

Welches Spiel spielen wir heute im Morgenkreis? Wer darf neben wem sitzen? Und was passiert mit der Bauecke, die seit Wochen keiner mehr nutzt? Im Kita-Alltag fallen jeden Tag Dutzende kleine Entscheidungen. Partizipation heißt, die Kinder an möglichst vielen davon ernsthaft zu beteiligen, und zwar so, dass ihre Stimme am Ende auch etwas verändert.

Auf dieser Seite findest du, was Partizipation in der Pädagogik bedeutet, warum sie für Kitas verpflichtend ist, wie das Stufenmodell der Partizipation aufgebaut ist und wie Kinderkonferenz, Kinderparlament und Beschwerdewege im Alltag funktionieren. Dazu kommen Beispiele für Krippe und Kindergarten und ein ehrlicher Blick auf die Grenzen.

Was bedeutet Partizipation in der Kita?

Partizipation kommt vom lateinischen Wort für Teilhabe. In der Pädagogik meint der Begriff, dass Kinder an Entscheidungen beteiligt werden, die ihr eigenes Leben und das Leben in der Gemeinschaft betreffen. Es geht also nicht darum, Kinder zu fragen, ob sie lieber rote oder blaue Becher möchten, und dann trotzdem die grünen hinzustellen. Partizipation bedeutet geteilte Macht: Die Erwachsenen geben einen Teil ihrer Entscheidungen tatsächlich ab.

Das klingt groß, beginnt aber klein. Ein Kind, das selbst entscheidet, ob es beim Mittagessen noch einen Nachschlag möchte, partizipiert. Eine Gruppe, die abstimmt, welches Buch sie in der Ruhezeit hört, ebenfalls. Entscheidend ist die Haltung dahinter: Kinder werden als Expertinnen und Experten für ihr eigenes Leben ernst genommen.

Warum Partizipation in Kitas Pflicht ist

Partizipation ist kein pädagogisches Extra, sondern rechtlich verankert. Die UN-Kinderrechtskonvention gibt Kindern in Artikel 12 das Recht, ihre Meinung in allen sie betreffenden Angelegenheiten frei zu äußern und dass diese Meinung angemessen berücksichtigt wird. Im Sozialgesetzbuch VIII heißt es in Paragraf 8, dass Kinder entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen zu beteiligen sind.

Für Kitas besonders wichtig: Seit dem Bundeskinderschutzgesetz von 2012 verlangt Paragraf 45 SGB VIII für die Betriebserlaubnis einer Einrichtung geeignete Verfahren der Beteiligung und Möglichkeiten der Beschwerde für Kinder. Deshalb gehört ein Partizipations- und Beschwerdekonzept in jede Kita-Konzeption. Wie das konkret aussieht, regeln die Länder und Träger unterschiedlich, die Grundpflicht gilt aber überall.

Stufen der Partizipation: das Stufenmodell

Um einzuschätzen, wie viel Mitsprache wirklich stattfindet, hilft das Stufenmodell der Partizipation. Bekannt ist die Fassung von Richard Schröder, die auf die Partizipationsleiter des Entwicklungspsychologen Roger Hart zurückgeht. Sie beschreibt neun Stufen:

  1. Fremdbestimmung: Erwachsene entscheiden über Inhalte und Ablauf, die Kinder wissen nicht, worum es geht.
  2. Dekoration: Kinder wirken mit, etwa beim Singen auf dem Fest, ohne den Sinn zu kennen.
  3. Alibi-Teilnahme: Kinder werden gefragt, ihre Meinung hat aber keine Folgen.
  4. Teilhabe: Kinder beteiligen sich punktuell an einer Aktion.
  5. Zugewiesen, aber informiert: Erwachsene planen, die Kinder verstehen das Vorhaben und machen bewusst mit.
  6. Mitwirkung: Kinder bringen Ideen ein, entscheiden aber nicht selbst.
  7. Mitbestimmung: Entscheidungen werden gemeinsam und gleichberechtigt getroffen.
  8. Selbstbestimmung: Kinder entscheiden selbst, Erwachsene unterstützen.
  9. Selbstverwaltung: Kinder organisieren eine Sache vollständig eigenständig.

Die ersten drei Stufen gelten als Scheinbeteiligung. Ein ehrlicher Blick lohnt sich: Viele gut gemeinte Kinderbefragungen landen auf Stufe drei, weil das Ergebnis schon vorher feststand. Nicht jede Entscheidung muss auf Stufe sieben oder höher fallen, aber das Team sollte wissen, auf welcher Stufe es gerade arbeitet.

Ideen für das ganze Jahr im Kita-Ideen Paket!

bei über 900 Erzieherinnen und Erziehern bereits im Einsatz

Kita-Ideen Paket mit Noten zu den Kinderliedern

Hier findest du über 1500 Ideen für Kita, Hort und Schulanfang: Lieder, Spiele, Fingerspiele, Reime und komplette Projektwochen. Alles als PDF zum Download und sofort einsetzbar.

Kinderkonferenz in der Kita: so gelingt sie

Die Kinderkonferenz ist die bekannteste Form der Beteiligung im Kindergarten. Die Gruppe trifft sich regelmäßig, meist einmal pro Woche, und bespricht ein Thema, das alle betrifft: das nächste Projekt, eine neue Regel in der Garderobe, den Ausflug im Frühling.

Was sich in der Praxis bewährt hat:

  • Ein fester Ort und ein festes Ritual, zum Beispiel ein Redestein oder ein Konferenztuch in der Kreismitte.
  • Nur ein Thema pro Konferenz. Mehr überfordert und endet in Gerede.
  • Echte Entscheidungsspielräume. Steht der Ausflug ohnehin fest, wird nicht darüber abgestimmt, sondern über das Ziel oder das Picknick.
  • Ein sichtbares Protokoll mit Bildern oder Symbolen, das im Gruppenraum hängt.
  • Kurze Dauer: 15 bis 20 Minuten reichen bei Kindergartenkindern völlig.

Die Kinderkonferenz lässt sich gut an den Morgenkreis anhängen. Wie du dort feste Abläufe aufbaust, findest du bei den Morgenkreis-Ritualen.

Kinderparlament und Kinderrat

In größeren Einrichtungen reicht die Gruppenkonferenz oft nicht, weil manche Fragen das ganze Haus betreffen: die Nutzung des Außengeländes, neue Spielgeräte, das Sommerfest. Dafür gibt es das Kinderparlament oder den Kinderrat. Jede Gruppe wählt zwei Delegierte, die sich regelmäßig mit der Leitung treffen und die Ergebnisse zurück in ihre Gruppe tragen.

Wichtig ist, dass die Delegierten nicht nur Botschaften überbringen. Sie brauchen Zeit, die Meinung ihrer Gruppe einzuholen, und eine Rückmeldung, was aus ihren Vorschlägen geworden ist. Manche Einrichtungen halten die Rechte der Kinder in einer eigenen Kita-Verfassung fest, wie es etwa der Ansatz der Kinderstube der Demokratie vorsieht. Dort steht schriftlich, worüber Kinder mitbestimmen und worüber nicht.

Partizipation im Alltag: Essen, Schlafen, Raumgestaltung

Am meisten Wirkung hat Beteiligung dort, wo Kinder jeden Tag betroffen sind. Drei Bereiche lohnen besonders den Blick:

Essen: Kinder entscheiden, was und wie viel sie sich nehmen. Buffet-Formen beim Frühstück, Schüsseln zum Selbstschöpfen und das Recht, etwas nicht zu probieren, sind gelebte Partizipation. Niemand muss den Teller leer essen.

Schlafen und Ruhen: Muss ein Kind schlafen oder darf es ruhen? Viele Teams haben hier eine klare Absprache mit den Eltern und lassen den Kindern trotzdem Wahlmöglichkeiten, etwa beim Platz, beim Kuscheltier oder bei der Art der Ruhezeit.

Raumgestaltung: Kinder wissen meist sehr genau, welche Ecke nicht funktioniert. Eine Raumbegehung mit Fotokamera, bei der die Kinder zeigen, wo sie gern sind und wo nicht, liefert oft bessere Ideen als jede Teamsitzung.

Partizipation in der Krippe (U3)

Beteiligung beginnt nicht erst, wenn Kinder sprechen können. In der Krippe zeigt sie sich vor allem in der Haltung der Fachkraft: Kündige ich an, was ich tue? Warte ich auf eine Reaktion? Akzeptiere ich ein Nein?

Die Wickelsituation ist das beste Beispiel. Wer sagt, dass jetzt gewickelt wird, das Kind fragt, ob es selbst die Treppe hinaufsteigen möchte, und ihm Zeit lässt, beteiligt bereits. Dazu kommen kleine Wahlmöglichkeiten mit zwei Optionen: Apfel oder Banane, Buch mit dem Bären oder mit dem Hasen. Mimik, Gesten und Weinen sind in diesem Alter ernst zu nehmende Äußerungen, auch Beschwerden kommen oft nonverbal. Mehr Ideen für den Krippenalltag findest du bei den Projekten für die Krippe.

Beschwerden von Kindern ernst nehmen

Zur Beteiligung gehört das Recht, sich zu beschweren. Kinder beschweren sich selten mit einem formellen Satz. Sie ziehen sich zurück, weinen, sagen leise etwas beim Abholen zu den Eltern oder malen ein Bild. Ein Beschwerdeverfahren in der Kita sorgt dafür, dass solche Signale gehört und bearbeitet werden.

Bewährt haben sich feste Ansprechpersonen, ein Sorgenbriefkasten mit Bildkarten, eine Runde im Morgenkreis mit der Frage, was gestern nicht schön war, und eine klare Regel im Team: Jede Beschwerde bekommt eine Antwort, auch wenn die Antwort lautet, dass sich etwas nicht ändern lässt. Erst dann lernen Kinder, dass es sich lohnt, den Mund aufzumachen.

Methoden: So stimmst du mit Kindern ab

Abstimmungen funktionieren nur, wenn alle Kinder verstehen, worum es geht. Darum braucht jede Wahl eine anschauliche Form:

  • Muggelsteine oder Kastanien: Jedes Kind legt einen Stein in die Schale der Option, die es möchte. Am Ende wird gemeinsam gezählt.
  • Klebepunkte: Bilder der Möglichkeiten hängen an der Wand, jedes Kind klebt einen Punkt.
  • Daumenprobe: Daumen hoch, Daumen zur Seite, Daumen runter. Schnell und ohne Material.
  • Ecken wählen: Jede Option bekommt eine Ecke im Raum, die Kinder stellen sich dorthin.

Ein Tipp aus der Praxis: Bei offenen Abstimmungen wählen jüngere Kinder oft das, was die beste Freundin wählt. Geheime Formen wie Steine hinter einem Tuch ergeben ehrlichere Ergebnisse. Und wenn eine Minderheit verliert, darf auch darüber gesprochen werden, wie man mit Enttäuschung umgeht.

Wo Partizipation an Grenzen stößt

Partizipation heißt nicht, dass Kinder über alles entscheiden. Bei Sicherheit, Gesundheit und Aufsichtspflicht tragen die Erwachsenen die Verantwortung, und das dürfen Kinder auch wissen. Ob im Winter eine Jacke angezogen wird, ist keine Abstimmungsfrage. Wie und wann sie angezogen wird, schon eher.

Hilfreich ist es, wenn das Team vorher klärt, worüber Kinder mitbestimmen, worüber sie mitreden und worüber Erwachsene allein entscheiden. Wer diese Grenzen offen benennt, wirkt glaubwürdiger als ein Team, das Mitsprache verspricht und dann doch alles selbst entscheidet. Kinder merken sehr schnell, ob ihre Stimme zählt.

Viele Ideen für Kinderkonferenz, Morgenkreis, Projekte und das ganze Kita-Jahr findest du gesammelt im Kita-Ideen Paket.

Verwandte Themen

Häufige Fragen zur Partizipation im Kindergarten

Was ist Partizipation im Kindergarten?

Partizipation bedeutet, dass Kinder an Entscheidungen beteiligt werden, die ihren Alltag und das Zusammenleben in der Kita betreffen. Die Erwachsenen geben dabei einen Teil ihrer Entscheidungsmacht ab, und die Meinung der Kinder hat erkennbare Folgen.

Ist Partizipation in der Kita gesetzlich vorgeschrieben?

Ja. Die UN-Kinderrechtskonvention, Paragraf 8 SGB VIII und Paragraf 45 SGB VIII verpflichten dazu. Seit 2012 sind Verfahren der Beteiligung und Beschwerde für Kinder Voraussetzung für die Betriebserlaubnis einer Kita.

Welche Stufen der Partizipation gibt es?

Das bekannte Stufenmodell nach Richard Schröder unterscheidet neun Stufen: Fremdbestimmung, Dekoration, Alibi-Teilnahme, Teilhabe, zugewiesen aber informiert, Mitwirkung, Mitbestimmung, Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Die ersten drei gelten als Scheinbeteiligung.

Was ist eine Kinderkonferenz?

Eine Kinderkonferenz ist ein regelmäßiges Treffen der Gruppe, bei dem die Kinder ein gemeinsames Thema besprechen und darüber entscheiden. Sie dauert meist 15 bis 20 Minuten, behandelt ein Thema und endet mit einem sichtbaren Ergebnis.

Wie funktioniert Partizipation in der Krippe?

In der Krippe zeigt sich Partizipation vor allem in der Haltung: Handlungen ankündigen, auf Reaktionen warten, ein Nein ernst nehmen und kleine Wahlmöglichkeiten anbieten. Auch Mimik, Gesten und Weinen sind Äußerungen, die gehört werden sollten.

Wo finde ich Ideen für Partizipation im Kita-Alltag?

Beispiele für Kinderkonferenz, Abstimmungsmethoden und Beteiligung beim Essen oder in der Raumgestaltung stehen auf dieser Seite. Viele weitere Ideen für Morgenkreis, Projekte und das ganze Jahr findest du im Kita-Ideen Paket.